Die Wege, die wir wÀhlen
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Lynn Austin verwebt Vergangenheit und Gegenwart zu einem kraftvollen Roman ĂŒber Mut, Verlust und die befreiende Kraft der Wahrheit â berĂŒhrend, tiefgrĂŒndig und voller Hoffnung. Mit viel FeingefĂŒhl erzĂ€hlt sie von drei Frauen, die inmitten gesellschaftlicher UmbrĂŒche lernen mĂŒssen, ihren eigenen Weg zu finden â zwischen alten Erwartungen, neuen Einsichten und lange gehĂŒteten Geheimnissen. Ein bewegender Roman ĂŒber Vergebung, innere StĂ€rke und die Frage, was im Leben wirklich zĂ€hlt.
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Beschreibung
Lynn Austin â Die Wege, die wir wĂ€hlen
Sylvia setzt alle Hebel in Bewegung, um ihrer Tochter auch weiterhin ein Leben im Luxus zu ermöglichen. Doch ihre couragierte Schwiegermutter, die in der Familie schon immer eine Sonderstellung einnahm, hegt andere PlĂ€ne. Ihrer Ansicht nach ist es höchste Zeit, wohlgehĂŒtete Geheimnisse ans Tageslicht zu bringen. Und damit den Lebensweg ihrer Enkelin womöglich fĂŒr immer zu verĂ€ndern …
Ein mitreiĂender Mehrgenerationenroman, in dem drei Frauen durch die EnthĂŒllung alter Geheimnisse der Blick fĂŒr das Wesentliche im Leben geschĂ€rft wird.
New York, 1849
»Denk immer daran, wer du bist, Junietta. «
Wie ich diese Worte hasste! Noch wĂ€hrend ich aus dem Haus eilte, wusste ich, auch ohne dass ich mich dazu umdrehen musste, dass Mamas strenge Ermahnung von einem ebenso strengen Blick begleitet wurde. Und wenn ich die TĂŒr nicht schnell genug schloss, wusste ich auch, welche Worte ich als NĂ€chstes vernehmen wĂŒrde. »Du bist eine Van Buren und eine De Witt. Bring keine Schande ĂŒber diese guten Namen.
«Ich entfernte mich mit raschen Schritten, bis mein Elternhaus nicht mehr zu sehen war. Dann ging ich etwas langsamer, um den herrlichen FrĂŒhlingsmorgen zu genieĂen. Meine GroĂtante Agatha wĂŒrde es nicht bemerken, wenn ich ein paar Minuten zu spĂ€t kam. Sie war eine alte Jungfer, die nicht weit von unserem Haus entfernt wohnte. Ich hatte die Rolle ihrer Gesellschafterin ĂŒbertragen bekommen. Sie zu besuchen, hatte vor zwei Jahren, als ich sechzehn war, als PflichtĂŒbung begonnen, aber inzwischen war es eine willkommene Flucht vor dem öden Leben zu Hause. Mein Papa, der wĂ€hrend meiner Kindheit verschiedene politische Funktionen innegehabt hatte, war zu dem Zeitpunkt dieses schicksalhaften FrĂŒhlingsmorgens Senator des Bundesstaates New York. Er begnĂŒgte sich damit, meine zwei Ă€lteren BrĂŒder William und John auf eine Zukunft in der Politik vorzubereiten. Papa war entweder ein hoffnungsvoller Optimist oder ein nĂ€rrischer TrĂ€umer, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass einer meiner langweiligen, fantasielosen BrĂŒder ĂŒberhaupt irgendetwas Lohnendes erreichen konnte. William, der fĂŒnf Jahre Ă€lter war als ich, las nie etwas Schwierigeres als die Tageszeitung. Und John, drei Jahre Ă€lter als ich, hĂ€tte keine Zahlenreihe addieren können, selbst wenn jemand ihm eine Pistole an die SchlĂ€fe gehalten hĂ€tte. Ich hatte keine Ahnung, womit er sich an der UniversitĂ€t von Yale beschĂ€ftigt hatte.
Meine Schwester Mariette, die ein Jahr Ă€lter war als ich, hatte sich »HĂŒbschsein« zum Lebensziel auserkoren – meiner Meinung nach ein weiterer hoffnungsloser Fall – und machte sich die zarten kleinen Finger nicht mit irgendwelchen wohltĂ€tigen Verpflichtungen schmutzig, wie zum Beispiel Tante Agatha zu besuchen. Das Baby der Familie, meine Schwester Chloe, war zehn Jahre nach mir zur Welt gekommen. Dazwischen hatte meine Mutter mehrere Fehlgeburten gehabt und mehrere Kinder von ihr waren schon im SĂ€uglingsalter gestorben. Chloe war viel zu sehr damit beschĂ€ftigt, sich von Mama und unseren beiden Dienstboten verwöhnen zu lassen, um auch nur ans Erwachsenwerden zu denken. Also fiel die Aufgabe, Tante Agatha zu besuchen, mir zu, der unwichtigen Schwester, die eben ĂŒbrig war.
Zuerst hatte ich es gehasst, in ĂŒberhitzten, vollgestopften Salons zu sitzen, wĂ€hrend Tante Agatha ihre arthritischen Freundinnen besuchte, von denen die meisten so taub waren, dass sie sich bei Tee und Canasta anschreien mussten. Nachmittags half ich meiner GroĂtante bei ihrer Korrespondenz und las ihr vor, bis sie genauso laut schnarchte wie ihr gemeiner kleiner SchoĂhund Tibbles. Aber mit der Zeit entdeckte ich zwei Vorteile meines ansonsten langweiligen Auftrags. Der erste war Tante Agathas Bibliothek, die vorher ihrem Vater und GroĂvater gehört hatte. Sie war eine wahre Schatztruhe und enthielt BĂŒcher ĂŒber Geschichte, Literatur, Pflanzen, Geografie und sogar Medizin. Ich verschlang sie alle. Gierig. Der zweite Vorteil war, dass mein Vorlesen Tante Agatha unweigerlich einschlĂ€ferte, sodass ich Zeit hatte, das zu tun, was ich wollte. Zuerst nutzte ich diese Zeit, um mich in der Bibliothek umzusehen, aber als die Monate vergingen und die meisten ihrer Freundinnen nicht mehr kamen, verlieĂ Tante Agatha kaum noch das Haus. Die arme alte Dame schlief so oft und fest, dass ich mich wĂ€hrend ihrer Nickerchen zur HintertĂŒr aus dem Haus schleichen konnte und die Stadt erkundete. Die beiden Bediensteten waren leicht zu bestechen. Sie ignorierten meine AusflĂŒge und erfanden sogar Ausreden fĂŒr mein Verschwinden, wenn es nötig war.
Manchmal lief ich bis zum Hafen, in dem Segelschiffe mit hohen Masten und Passagiere und Waren aus aller Herren LĂ€nder ankamen. Damit hatte ich eine aufregende Welt auĂerhalb meines ruhigen New Yorker Viertels entdeckt und ich wollte alles davon sehen.
Aber selbst ich war nicht so dumm, mich an diesem idyllischen Junimorgen im Jahre 1849 in die Stadt zu schleichen. Eine Cholerawelle, die im letzten Winter begonnen hatte, war jetzt zu einer tödlichen Epidemie geworden. Experten behaupteten, die Seuche werde von schlechter, abgestandener Luft verursacht, und ich wusste, wie schwer und ĂŒbelriechend die Luft in den Arbeitervierteln war. Ich wollte Tante Agathas Dienstboten anweisen, alle Fenster zu öffnen und die FrĂŒhlingsluft hereinzulassen, sobald ich bei ihr ankam. AuĂerdem sollten sie die Decken und Federbetten lĂŒften. Aber als ich eine AbkĂŒrzung durch die Gasse hinter dem Haus meiner Tante nahm und am Kutschhaus vorbeikam, lieĂ mich der unverkennbare Klang eines weinenden Babys wie angewurzelt stehenbleiben. Einen Moment lang verharrte ich dort und lauschte. Es bestand kein Zweifel. Im Stall meiner Tante weinte ganz eindeutig ein SĂ€ugling.
Ich fragte mich, ob es ein Findelkind war. Verzweifelte Eltern, die nicht fĂŒr ihre Kinder sorgen konnten, legten sie manchmal vor die TĂŒr reicher Leute, in der Hoffnung, dass die EigentĂŒmer Mitleid hatten. Die WaisenhĂ€user waren voll mit solchen ausgesetzten Babys. Ich war gerade nĂ€hergetreten, um durch das Fenster zu spĂ€hen, als eine Stimme hinter mir mich erschreckte.
»Guten Morgen, Miss. Suchen Sie etwas?«
Ich zuckte zusammen und fuhr dann herum. Mir gegenĂŒber stand ein junger Mann, Anfang zwanzig, in ziemlich verschlissener Kleidung. Es dauerte einen Augenblick, bis mir wieder einfiel, dass er der neue Bursche und Kutscher war, den mein Onkel letzte Woche eingestellt hatte. Er war fĂŒr Tante Agathas alten Diener gekommen. An den Namen des Mannes konnte ich mich nicht erinnern, aber das spielte im Moment auch keine Rolle.
»Im Kutschhaus ist ein Baby«, sagte ich. »Ich habe es weinen hören. «
Der Mann nahm seine MĂŒtze ab, aber nicht aus Respekt vor einer Dame, wie es sich schickte, sondern um sich mit den Fingern durchs Haar zu fahren. Es war dicht und lockig und hatte die Farbe von Mahagoni. »Nee, Miss. Da mĂŒssen Sie sich irren. Das war bestimmt ein Vogel, den Sie da gehört haben. «
Von meinen BrĂŒdern hatte ich gelernt, dass es wenig Sinn machte, mit einem Mann zu diskutieren, der unvernĂŒnftig widerborstig war. Also ging ich einfach zur TĂŒr an der Seite des Stalls und trat ein. Das Weinen hatte inzwischen aufgehört, aber ich ging weiter durch die RĂ€ume zu der Ecke, aus der es meiner Meinung nach gekommen war. Der neue Kutscher schien unnatĂŒrlich laute GerĂ€usche zu machen, als er mir folgte, denn er stampfte mit den Stiefeln auf, als wĂ€ren sie voller Schnee, und redete Unsinn ĂŒber Eulen und gurrende Tauben. Aber ich wusste, was ich gehört hatte. Und richtig – ganz hinten in einer leeren Box saĂ eine sehr verĂ€ngstigte junge Frau mit einem SĂ€ugling, den sie an ihre Brust drĂŒckte. »Da ist Ihre Turteltaube, Mister âŠÂ«
»Galloway. Neal Galloway. Verzeihen Sie, dass ich an Ihren Worten gezweifelt habe, Miss De Witt. «
»Mein Name ist Van Buren. Meine GroĂtante ist Mrs De Witt. «
»Gut, in Ordnung. Ich kĂŒmmere mich um das MĂ€dchen und das Kleine, Miss Van Buren. Sie brauchen sich keine Gedanken mehr zu machen. «
Ich ignorierte ihn und ging auf die junge Frau zu. »Wie heiĂen Sie?«, fragte ich. Sie antwortete nicht, sondern blickte stattdessen zu Mr Galloway auf, so als wartete sie auf Anweisung von ihm. Da wusste ich, dass er keineswegs ĂŒberrascht war, Mutter und Kind im Kutschhaus zu finden. »Gehören die beiden zu Ihnen, Mr Galloway?«, fragte ich ihn direkt.
»Nicht so, wie Sie denken, Miss. Die Kleine ist meine Nichte und ihre Mutter ist die Frau von meinem Bruder Gavin. «
»Und was machen die beiden im Kutschhaus meiner Tante?«
Er kratzte sich am Kopf und setzte sich dann die MĂŒtze wieder auf, so als wollte er Zeit schinden. »Kennen Sie die Geschichte von dem Jesuskind, das sein Leben in einem Stall angefangen hat, weil es keinen Raum in der Herberge gab? Und wie es spĂ€ter auf der Flucht war, als die Soldaten von Herodes hinter ihm her waren?«
»Sie wollen mir doch wohl nicht weismachen, dass es sich hier um eine weitere göttliche Erscheinung handelt, oder?«
»Nee«, sagte Galloway lachend. »Bei dem Vergleich ging es lediglich um den Raum in der Herberge. Und um die Gefahr. Da, wo Gavin und Meara leben, liegt ĂŒberall Cholera in der Luft. Davor wollte ich sie und das kleine Ding schĂŒtzen. «
»Indem sie in unseren Pferdestall ziehen?«
»Aye. Ist fĂŒr sie schon eine Verbesserung. Und es ist auch nur solange, bis die Luft wieder rein ist. « Etwas an seinem melodischen Akzent und dem LĂ€cheln in seiner Stimme und in seinen braunen Augen machte es mir schwer, mich ĂŒber Mr Galloway zu Ă€rgern. Er hatte jede Menge Charme, was man von keinem der MĂ€nner in meinem Bekanntenkreis behaupten konnte. Trotzdem war es anmaĂend von ihm, seine Angehörigen in unserem Stall unterzubringen, nachdem er erst vor einer Woche angeheuert worden war.
»Und wie lange sollte dieses ⊠Arrangement ⊠dauern?«
Er zuckte mit den breiten Schultern. »Bis das Sterben aufhört. Also, wenn Sie nichts dagegen haben. «
»Es ist ein bisschen spÀt, meine Erlaubnis einzuholen, oder?«
»Hm. Ich verstehe, was Sie meinen. « Mr Galloway grinste und mir stockte der Atem. Er war der attraktivste Mann, dem ich jemals begegnet war. Die jungen MĂ€nner in meiner Welt waren alle von Kopf bis FuĂ in hochgeknöpfte Kragen, steife Hemden, Westen, Fracks, MĂ€ntel und Handschuhe gehĂŒllt, bis kein Zentimeter Haut mehr zu sehen war auĂer ihrem Gesicht, selbst an einem warmen Junitag wie diesem. Aber Mr Galloway – du liebe GĂŒte! Rötliches Haar und gebrĂ€unte Haut lugten unter seinem Hemd hervor, von dem er die beiden oberen Knöpfe offen gelassen hatte. Seine Ărmel waren hochgekrempelt und zeigten noch mehr gebrĂ€unte Haut. Er hatte Armmuskeln, die ich bislang nur bei Marmorstatuen gesehen hatte. Ich wusste, dass es unhöflich war, jemanden anzustarren, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich wollte ihm böse sein, aber auch das gelang mir nicht.
»Ich werde ein Auge zudrĂŒcken, bis die Epidemie vorbei ist«, sagte ich und war mir der Ironie meiner Worte angesichts meiner UnfĂ€higkeit, den Blick von Mr Galloway loszureiĂen, sehr wohl bewusst. »Aber wenn mein Onkel, Mrs De Witts Sohn, Sie erwischt, werde ich jede Kenntnis ĂŒber diese Abmachung leugnen. «
»Einverstanden. Gott segne Sie fĂŒr Ihre Freundlichkeit, Miss Van Buren. « Ich hĂ€tte es so gern gehabt, wenn er mich Junietta genannt hĂ€tte. Mich hĂ€tte interessiert, wie ihm mein Name im Singsang seines schottischen Akzents ĂŒber die Lippen kam. Aber natĂŒrlich wĂ€re das ganz und gar unerhört gewesen.
Als ich zu Hause war, suchte ich auf unserem Dachboden nach der Truhe mit Babysachen, die alle SĂ€uglinge in unserer Familie getragen hatten. Dann schmuggelte ich die Babyausstattung in einem Korb zu Meara und der kleinen Regan, damit niemand es mitbekam. Ich hob die Reste der Mahlzeiten auf, von denen Tante Agatha kaum etwas gegessen hatte, und brachte sie in den Pferdestall. Meara lieĂ mich die kleine Regan auf den Arm nehmen und ihren sĂŒĂlichen Milchgeruch einatmen.
Als es wĂ€rmer wurde, sah ich in zweierlei Hinsicht mehr von Mr Galloway. Erstens bekam ich mehr von seiner gebrĂ€unten Haut und den krĂ€ftigen Muskeln zu Gesicht, wenn er sein Hemd auszog, um Heu in den Heuschober zu schaufeln oder das Dach zu reparieren oder im Garten zu arbeiten. Und zweitens lief er mir immer hĂ€ufiger im Alltag ĂŒber den Weg und wir wurden Freunde. Aufgrund der Choleraepidemie hatten meine AusflĂŒge in die Stadt ein jĂ€hes Ende gefunden, deshalb hatte ich jede Menge freie Zeit. Tante Agathas Köchin und HaushĂ€lterin, die sich seit Langem in der stĂ€ndig gleichen Routine der alten Dame langweilte und genau wie ich Mr Galloways endlosem Charme erlegen war, gewöhnte sich schnell an die Tatsache, dass eine Mutter mit ihrem Baby in unserem Kutschhaus wohnte, und freundete sich ebenfalls mit den dreien an.
An einem besonders schönen Tag, etwa eine Woche, nachdem Meara und Regan hergekommen waren, nahm ich mittags ein Picknick fĂŒr Mr Galloway und seine SchwĂ€gerin mit nach drauĂen. Wir setzten uns vor das Kutschhaus in den Schatten und lieĂen es uns schmecken. »Das ist ausgesprochen freundlich von Ihnen, Miss Van Buren, vielen Dank«, sagte Mr Galloway, wĂ€hrend er in ein Butterbrot biss.
»Es ist mir ein VergnĂŒgen, Mr Galloway«, erwiderte ich formvollendet, um mich ĂŒber seine steife Förmlichkeit lustig zu machen. Er grinste.
»Es wĂ€re mir lieber, wenn Sie mich mit Vornamen anreden, Miss van Buren. Ich heiĂe Neal. Mit Mr Galloway wurde immer mein Vater angeredet. «
»Also gut – Neal. « Wie gerne hĂ€tte ich gesagt, er solle mich Junietta nennen, aber das wagte ich noch immer nicht. »Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Akzent schottisch ist?«
»Aye. Ich bin vor zwei Jahren mit meinem Bruder nach Amerika gekommen, wir wollten uns was aufbauen. Unser Hof hat nicht mehr genug abgeworfen und andere Arbeit gab es nicht. Als mein Vater dann starb, haben wir beschlossen, hierher zu kommen. Unsere Mum war schon ein paar Jahre tot. «
»Und sind Sie auch mit Neal und Gavin hergekommen?«, fragte ich Meara.
Sie schĂŒttelte den Kopf. »Gavin habe ich kurz nach seiner Ankunft kennengelernt. Ich habe in dem Gasthaus, in dem er gewohnt hat, geputzt und so. «
»Mein Bruder hat sich Hals ĂŒber Kopf in Meara verliebt, so wahr ich hier sitze«, erklĂ€rte Neal lachend. »Wenn er den ganzen Tag am Hafen Schiffe entlĂ€dt und dann am Abend nach Hause kommt, ist Meara ein lieblicher Anblick. Ich freue mich fĂŒr die beiden. «
»Warum arbeiten Sie nicht mit ihm zusammen am Hafen? Das wird doch sicher gut bezahlt. Jedenfalls besser als die Arbeit bei meinem Onkel, oder?«
Neal musterte mich einen Moment lang, als ĂŒberlegte er etwas, dann stand er auf.
»Kommen Sie, Miss. Ich werde Ihnen noch ein Geheimnis zeigen, das ich vor Ihnen versteckt habe. « Mein Herz hĂ€mmerte wie verrĂŒckt, wĂ€hrend ich mich erhob und Neal ins Kutschhaus folgte. Ich weiĂ nicht, was ich erwartet hatte, aber jedenfalls nicht den hĂŒbschen kleinen Eichenholztisch mit elegant zulaufenden Beinen. Ich verstand zuerst nicht, warum er mir das MöbelstĂŒck zeigte, und fragte mich, ob er es vielleicht gestohlen hatte. Dann sah ich das Werkzeug auf der Arbeitsplatte liegen und die HobelspĂ€ne ĂŒberall auf dem Boden. Die Luft roch nach SĂ€gemehl und Terpentin.
»Sie haben den Tisch gebaut?«, fragte ich wenig intelligent.
»Aye. Ich arbeite gern mit den HĂ€nden. Schon immer. Ich habe ĂŒberlegt, wenn ich in meiner Freizeit genĂŒgend Möbel und solche Dinge baue, kann ich irgendwann meine eigene Tischlerei haben. Hat unser Herr und Heiland nicht auch als Zimmermann angefangen?« Angesichts seiner Unverfrorenheit starrte ich ihn mit offenem Mund an. Dann zwinkerte er und ich musste lachen.
»Also, Sie leisten sehr gute Arbeit, Neal, wenn ich mir diesen Tisch betrachte. «
»Danke. «
»Und wenn Sie beschlieĂen, dem Beispiel unseres Herrn und Heilandes zu folgen, und ĂŒbers Wasser laufen, bin ich hoffentlich dabei, um Ihnen dabei zuzusehen. « Sein gutmĂŒtiges Lachen folgte mir aus der Werkstatt ins Freie.
Als die FrĂŒhlingstage lĂ€nger wurden, kam mir der Gedanke, jeden Tag mit Tante Agatha eine Ausfahrt zu machen. Ich sagte ihr, dass es dabei um die frische Luft ging, mit der ich die Cholera auf Abstand halten wollte. Und mir selbst redete ich das auch ein. Aber in Wahrheit genoss ich die Gesellschaft ihres fröhlichen Kutschers. »Ich habe noch nicht viel von den schickeren Gegenden der Stadt gesehen«, sagte Neal zu mir. »Ich hatte Angst, dass mich die Menschen dort fĂŒr einen Obdachlosen oder Dieb halten, wenn ich ohne ein konkretes Ziel durch die StraĂen schlendere. « Er war ebenso fasziniert von unserer Art zu leben, wie ich es vom Hafen und den Ă€rmeren Vierteln der Stadt gewesen war.
»Sehen Sie mal, Miss!«, sagte er gelegentlich und zeigte auf Dinge, die fĂŒr mich selbstverstĂ€ndlich waren. Dadurch sah ich plötzlich meine Welt mit seinen Augen. Er fuhr langsamer, um eine Gruppe FuĂgĂ€nger auf dem hölzernen Gehweg zu beobachten, und sagte: »Die Kleider, die Sie und die anderen feinen Damen tragen, sind so bunt und leuchtend wie ein Blumengarten, nicht wahr?« Manchmal hielt er die Kutsche an, nur um sich alles genau einzuprĂ€gen. Und genau das tat er eines Tages, als wir zu der HĂ€userfront mit neuen GeschĂ€ften in der Park Row kamen, die John Jacob Astor gerade hatte errichten lassen. Das GebĂ€ude war vier Stockwerke hoch und hatte die GröĂe eines ganzen HĂ€userblocks, mit LĂ€den, in denen es einfach alles zu kaufen gab: von Stiefeln und BĂŒchern bis hin zu Seide und Briefpapier. »Haben Sie diesen herrlichen Ort schon einmal gesehen? Ich glaube, da werde ich irgendwann mein MöbelgeschĂ€ft aufmachen. « Da ich gesehen hatte, welche FĂ€higkeiten er als Schreiner hatte, und wusste, wie ehrgeizig und charmant er war, fiel es mir nicht schwer, ihm zu glauben.
Auf dem Heimweg stimmte Neal ein Lied an und sang von schönen MĂ€dchen und vom blauen Himmel ĂŒber den schottischen Highlands. Er hatte eine gute Stimme, aber ich war noch nie einem singenden Kutscher begegnet und war mir nicht sicher, wie Tante Agatha darauf reagieren wĂŒrde. Auch wenn sie allmĂ€hlich taub wurde, musste sie den Gesang doch gehört haben.
»Ist er es, der da gesungen hat? Der Kutscher?«, fragte sie mit ihrer kratzigen Stimme, als das Lied endete.
»Ja. Sein Name ist Galloway, Tante Agatha. « Ich hielt die Luft an.
»Dann sag ihm, er soll noch ein Lied singen. Aber diesmal ein bisschen lauter.«
Neal erfĂŒllte Tante Agathas Wunsch prompt. Seine krĂ€ftige Stimme schwang sich erneut zu einer Melodie auf, die mir fremd war, aber zugleich etwas in mir zum Schwingen brachte. Es war ein schottisches Volkslied, so viel begriff ich, und es handelte von grĂŒnen HĂŒgeln, verlorener Liebe und der Hoffnung, eines Tages heimzukehren. Tante Agatha, die sonst bei Musik wenig Regung zeigte, nickte leicht mit dem Kopf im Takt, wĂ€hrend ein sanftes LĂ€cheln ĂŒber ihr Gesicht glitt.
Nach diesem Tag gehörten Neals Lieder zu unserem Nachmittagsritual. Tante Agatha verlangte sie, ich genoss sie, und Neal sang, als sei es das NatĂŒrlichste auf der Welt. Es war, als hĂ€tte seine Stimme etwas Heilsames an sich â nicht nur fĂŒr meine Tante, sondern auch fĂŒr mich.
Ich merkte bald, dass ich mehr als nur seine Lieder mochte. Ich beobachtete ihn, wie er mit den Pferden sprach, wie er Meara half, das Baby zu wiegen, wie er mit bloĂen HĂ€nden arbeitete und jede Bewegung mit einer Leichtigkeit vollfĂŒhrte, die ich nie zuvor bei einem Mann gesehen hatte. Er war so anders als die MĂ€nner, die meine Mutter fĂŒr mich vorgesehen hatte. Neal war kein Gentleman im traditionellen Sinne â aber er war aufrichtig, verlĂ€sslich, und er besaĂ eine WĂ€rme, die mich immer wieder berĂŒhrte.
Die Tage vergingen, und der FrĂŒhling wich langsam dem Sommer. Die Cholera hatte ihren tödlichen Höhepunkt ĂŒberschritten, aber noch wagten es nur wenige Menschen, von Entwarnung zu sprechen. In der Zwischenzeit hatten sich Meara und das Baby beinahe gĂ€nzlich in unser Leben eingefĂŒgt. Selbst mein Onkel hatte, nach einem zunĂ€chst empörten Auftritt, schlieĂlich widerwillig eingelenkt, als er die Notlage verstand â und vermutlich auch, weil Tante Agatha ihn mit einem unerwartet scharfen Ton zurechtgewiesen hatte.
Ich war inzwischen tĂ€glich bei Meara und Regan, half beim Baden, FĂŒttern, Spielen â und lernte mehr ĂŒber das Muttersein, als ich je erwartet hĂ€tte. Und Neal… Neal war immer in der NĂ€he. Manchmal nur schweigend neben mir, wĂ€hrend ich las oder nĂ€hte. Manchmal brachte er mir etwas aus Holz mit, das er geschnitzt hatte: eine HaarbĂŒrste, einen Lesezeichenhalter, einmal sogar einen Vogel mit filigranen FlĂŒgeln.
Und dann kam der Tag, an dem er mich kĂŒsste.
Es war ein Abend wie gemalt. Die Sonne war dabei unterzugehen, ein sanftes Licht fiel durch die BlĂ€tter des Ahorns neben dem Stall, und ich hatte gerade Regan zurĂŒck zu Meara gebracht, nachdem ich mit ihr im Garten gespielt hatte. Neal stand da, die Arme in die HĂŒften gestemmt, sein Hemd wieder einmal offen, und schaute mich an, als hĂ€tte er gerade beschlossen, dass jetzt der richtige Moment war.
»Miss Van Buren«, sagte er, »dĂŒrfte ich etwas tun, was sich vermutlich nicht ziemt?«
Ich hatte nur genickt.
Dann beugte er sich vor, langsam, prĂŒfend, und kĂŒsste mich. Es war ein kurzer, vorsichtiger Kuss â aber er reichte aus, um mein Herz fĂŒr immer zu verĂ€ndern.
Ich erwiderte den Kuss, zögerlich zuerst, dann mit einer Gewissheit, die mich selbst ĂŒberraschte. Ich spĂŒrte Neals Hand an meiner Taille, seine WĂ€rme, sein Herz, das gegen meines schlug â und in diesem Moment wusste ich, dass ich nie wieder denselben Weg gehen wĂŒrde wie meine Familie es erwartet hatte.
Als wir uns schlieĂlich voneinander lösten, sah er mich mit einer Mischung aus Hoffnung und Angst an.
»Ich… weiĂ nicht, ob ich das hĂ€tte tun sollen«, murmelte er.
»Doch«, sagte ich leise. »Das sollten Sie. Ganz bestimmt.«
In den Tagen danach verĂ€nderte sich etwas zwischen uns. Es war nichts, das wir laut aussprachen oder zur Schau stellten â und doch war es da, spĂŒrbar in jedem Blick, in jedem zufĂ€lligen BerĂŒhren der HĂ€nde, in jeder Unterhaltung, die lĂ€nger dauerte als nötig. Wir fanden VorwĂ€nde, um Zeit miteinander zu verbringen. Ich las ihm vor, wĂ€hrend er arbeitete, und er brachte mir bei, wie man Holz glĂ€ttet, ohne sich Splitter einzufangen. Es waren einfache Dinge, aber sie bedeuteten mir alles.
Tante Agatha sagte nie etwas, doch ich war mir sicher, dass sie etwas ahnte. Ihre Blicke wurden gelegentlich nachdenklich, wenn sie uns beobachtete. Aber sie stellte keine Fragen, und ich war ihr dankbar dafĂŒr. Meine Familie hingegen… sie hĂ€tten es nie akzeptiert. Ein schottischer Einwanderer, ein Stallknecht, ein Mann ohne Vermögen oder Namen â das war nicht das, was meine Mutter sich fĂŒr ihre Tochter vorgestellt hatte.
Und trotzdem: Ich konnte mir keinen anderen vorstellen.
Eines Abends â der Sommer war in voller BlĂŒte â saĂen wir hinter dem Stall, Meara nĂ€hte, das Baby schlief in einem Korb neben ihr, und Neal und ich teilten uns ein StĂŒck Apfelkuchen, das ich aus Tante Agathas KĂŒche stibitzt hatte.
»Haben Sie je daran gedacht, wegzugehen?«, fragte ich plötzlich. »Ich meine â ganz neu anzufangen? Irgendwo, wo niemand Sie kennt?«
Er kaute langsam zu Ende, sah mich dann lange an. »Aye«, sagte er schlieĂlich. »Jeden Tag. Und ich hab auch ĂŒberlegt, wen ich gern mitnehmen wĂŒrde.«
Ich spĂŒrte, wie mein Herz einen Schlag aussetzte. Ich hielt seinem Blick stand. »Und…?«
Er beugte sich nĂ€her zu mir. »Wenn ich fragen wĂŒrde â was wĂŒrden Sie sagen, Junietta?«
Mein Name auf seinen Lippen war wie Musik. Ich lĂ€chelte. »Ich wĂŒrde ja sagen, Neal.«
Er lachte leise, fast unglÀubig, und griff nach meiner Hand. »Dann werde ich fragen, wenn die Zeit gekommen ist.«
Ich nickte. »Und ich werde warten.«
Wir wussten beide, dass es nicht einfach sein wĂŒrde. Dass es GesprĂ€che geben musste, Auseinandersetzungen, vielleicht sogar BrĂŒche. Aber in diesem Moment war da nur Hoffnung. Hoffnung auf ein anderes Leben. Ein freies Leben. Ein Leben, das wir selbst wĂ€hlten.
Und wĂ€hrend der Wind durch die BlĂ€tter rauschte und der letzte Schimmer des Tages ĂŒber den Himmel zog, saĂen wir da â zwei Menschen, deren Wege sich auf wundersame Weise gekreuzt hatten â und wagten es, von einer gemeinsamen Zukunft zu trĂ€umen.
Lynn Austin
Lynn Austin ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin historischer Romane. Sie wurde achtmal mit dem Christy Award geehrt und gilt in Deutschland als beliebteste christliche Romanautorin. Ihre Werke wie Die ApfelpflĂŒckerin oder Luisas Töchter begeistern Leser weltweit.
Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie drei Kinder groĂgezogen und lebt in Holland, Michigan. Neben dem Schreiben ist sie auch eine gefragte Rednerin bei Tagungen und Konferenzen.
Webseite:Â www.lynnaustin.org
Instagram:Â lynnaustinbooks
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- Originaltitel: All my secrets
- Autor:in: Lynn Austin
- Ăbersetzt von: Dorothee Dziewas
- Sprache: Deutsch
- Seitenzahl: 432 Seiten
- Erscheinungsdatum: Januar 2025
- Abmessungen: 13.9 x 3.6 x 21.7 cm
- ISBN: 978-3-96362-434-6
- Verlag: Francke-Buch
E-Mail: info@lifebookswien.at
Tel: +43 670 185 401 8
ZusÀtzliche Informationen
| MaĂe | 13,5 × 21,5 × 3,6 cm |
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